Geschichte

Wilhelmsdorf im Taunus 

Gisela Ute Freisinger

Jahnstraße 10

35581 Wetzlar

 

  

Das Wilhelmsdorfer Rathaus mit angrenzenden Backhaus.1946 zogen dort Vertriebene aus Schlesien ein.

In dieser Notunterkunft lebte eine Mutter mit ihren drei kleinen Kindern, bis bessere Zeiten ihnen ein würdiges Zushause bescherten.

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Im Juni 1707 beschloss der Fürst Wilhelm Heinrich von Nassau-Usingen sein persönliches Eigentum, das Gut "der neue Hof" , von seinen nassauischen Ahnen ererbt, abzugeben, und dort ein Dorf zu gründen. Zuvor hatte er schon Hasselborn und Michelbach gegründet. Zu seiner Freude florierten diese Ansiedlungen prächtig.

 

Fürst Wilhelm Heinrich war ein Regent, der gerne von seinem Eigentum zum Wohle der Bevölkerung abgab. So beschloss er, das nordwestlich von Usingen gelegene Gut -ein herrschaftliches Haus mit Scheunen und Ställen, dazu 400 Morgen Land - an Arbeitswillige abzugeben.

 

Sein Vater Walrad von Nassau-Usingen hatte das Anwesen als Sommer- und Jagdwohnung sehr geschätzt. Die Ländereien waren verpachtet worden. 1688 kamen die Pächter Joh. Sebastian Heß und Joh. Jakob Enders, aus Oberlauken. 1704 war Monsieur Samuel Morttios fürstlicher Verwalter.

 

Durch eine Verfügung gab der Landesvater Ende 1706 allen seinen Gemeinden zu wissen, dass er geeignete Leute suche, die willens wären, sich dort anzusiedeln. Die Regierungsräte wollten den Menschen, die sich meldeten, nur den Bauplatz und Holz gratis geben, die Grundstücke sollten aber von den Ansiedlungswilligen bezahlt werden.

 

Doch Wilhelm Heinrich hatte anderes im Sinn. Er ließ vom Landmesser Weintraut von Grävenwiesbach die 400 Morgen in 10 gleiche Lose teilen. Diese Äcker und Wiesen sollten nach dem Willen des Fürsten ganz umsonst abgegeben werden. Auch das benötigte Bauholz sollten die Siedler unentgeltlich erhalten. Der Plan des Fürsten sah sogar vor, die neuen Pächter drei Jahre dienstfrei zu stellen, damit sie sich ganz und gar dem neuen Besitztum widmen könnten.

 

Am 24. Juni 1707 war es so weit, die Gründungsurkunde für die Gemeinde Wilhelmsdorf, ein Name der für alle Zeiten an den großzügigen Geber erinnern sollte, wurde unterschrieben.

 

In dieser Urkunde wird auch die Hoffnung des Fürsten erwähnt, dass die zukünftigen Wilhelmsdorfer wegen der durchgehenden Landstraße ihre "gute Nahrung" haben würden. Die Straße am "neuen Hof" vorbei war zwischen dem Usinger Land und dem Weilburgischen damals die einzige Verbindung. Daher wurde sie viel benutzt. So dachte der Fürst für seine neuen Bürger an einen kräftigen Nebenerwerb, denn die Reisenden brauchten Schmiede, Wagner und Restauration.

 

Als die landesherrliche Willensäußerung betreffs der neuen Siedler von den Kanzeln des Fürstentums verkündet wurde, gingen wegen der sensationell guten Bedingungen, sehr zahlreiche Meldungen ein. Wer hätte nicht gern 30 Morgen Land, Bauplatz und Bauholz, ganz umsonst genommen? Selbst vom Dillenburgischen, Wiedischen und Braunfelsischen kamen Bittschriften.

 

Nur ehrbare und fleißige Männer, die das neue Gemeinwesen zum Blühen brächten, wollte die Usinger Regierung haben. Deshalb wurden die Gesuche aufs peinlichste geprüft. Das war auch der Grund, dass man vor allem Landeskinder, die man genau kannte, berücksichtigte. Nur ein Landfremder, Dietrich Menges aus dem Wiedischen wurde aufgenommen, da der Graf von Wied den Fürsten darum gebeten hatte. Alle anderen kamen aus der nahen Umgebung. Es waren:

 

Johannes Jacob Sattler aus Oberlauken

Johannes Vetter aus Oberlauken,

Heinrich Huppert aus Laubach,

Joh. Wilhelm Lotz aus Merzhausen,

Georg Lorenz Löw aus Merzhausen

Joh. Georg Jonas aus Merzhausen.

 

Nur diese sieben Männer kamen vorerst in Frage, so peinlich und gründlich war die Auslese. Außer ihnen hatte das neu gegründete Dorf noch andere Einwohner, nämlich Jäger, Hirten, Tagelöhner und Schuldiener.

 

Aufmerksam und fürsorglich verfolgte der Fürst die Entwicklung seiner Gründung in den nächsten Jahren. Die Landwirtschaft im Fürstentum litt damals an der Güterzersplitterung. Das Erbrecht unserer Gegend verlangte die Teilung des Besitzes unter den Kindern. So wurden die Besitzteile der einzelnen immer kleiner. Die Folge war, dass es in den alten Usinger Dörfern viele landwirtschaftliche Betriebe von nur wenigen Morgen Land gab. Kam dann dazu eine schlechte Ernte, so darbten und hungerten die Bauern dieser winzigen Besitzungen furchtbar.

 

Damit dieses Ungemach in seinen neuen Dorfgründungen nicht passieren konnte erließ der vorausschauende Fürst am 18. Februar 1716 folgendes Edikt:

 

"Von Gottes Gnaden wir Wilhelm Heinrich Fürst zu Nassaw, Graff zu Saarbrücken und Saarwerden, Herr zu Lahr Wiesbaden und Itzstein pp. fügen hiermit denen Gemeinden Wilhelmsdorff, Michelbach und Hasselborn befehlend zu wissen:

Nachdem wir bey erster Anlage dieser drey neuen Dörffer es nothwendig dahin zu richten gehabt, dass die Anzahl der Einwohner denen ihnen angewiessenen Feldgütern proportioniert und gleich seyn mögte, damit nicht durch Ueberhäuffung einer nebst dem anderen verdorben werde, bey Vermehrung jetziger Einwohner durch Erbteilungen und Aussteuer bey Heuraten eine solche Zerstückelung und Schmählerung der Feld-Güter erfolgen wird, welche den gänzlichen Untergang dieser Dörffer nach sich ziehet; als ordnen und gebieten wir hiermit:

dass an Eingangs bemelten Orten, die portiones Feld-Gut, wie selbite zu Anfang eingeteilet worden, alsso beständig und für alle Zeit beysammen bleiben und weder durch Erbteilung, Braut-Gabe, Contracten oder einerley disposition, wie die Nahmen haben mag, vermindert oder geschmählert werden sollen;

zu dem Ende von jeder Familie der älteste Sohn, wenn aber keine Söhne vorhanden, die älteste Tochter oder auch das tüchtigste und beste von denen Kindern, welches die Eltern vor andern mit unsser Genehmigung hierzu erwählen wolten, nach tödlichem Abgang oder erfolgendem Unvermögen solcher ihrer Eltern die Hoffraiden und Feld-Güter gantz und alleinig zu übernehmen, die Geschwister nach vorheriger taxation und Ermässigung derjenigen, denen wir solches committire werden, mit Gelde abzulegen, alsso die Hausshaltung ohne Abgang zu continuiren und wo Jemand der Eltern noch im Leben, selbiges bestens zu versorgen hat, wornach mehrgedachte unssere Untertanen und jeden Orts Vorgesetzte zu achten."

 

Die Verordnung war ein Erfolgsmodell. Güterzersplitterung und Verarmung wurden von nun an verhindert.

 

Über drei Jahrzehnte später belegt das Flurbuch, von Joh. Phil. Schmidt aus Elkershausen, angelegt, dass die Gleichheit der Besitzteile und des Vermögens gewahrt blieb. Damals waren alle zehn Stämme bereits vergeben. Im gemeinschaftlichen Besitz befanden sich noch ungefähr 40 Morgen.

 

Mit den benachbarten Ortschaften gab es kaum Schwierigkeiten. Die Dörfer lebten in Eintracht und Harmonie. Mit dem nahen Merzhausen bestand eine besondere Freundschaft. Da die Wilhelmsdorfer weder eine eigene Kirche, noch eine eigene Schule besaßen, benutzten sie die Einrichtungen in Merzhausen.

 

Von einem Streit allerdings, wissen die Akten zu berichten. Das kam so: Vor 250 Jahren war es Brauch, dass die Schüler das für die Schule benötigte Brennholz selbst mitzubringen hatten. Jedes Kind brachte täglich Brennmaterial mit. Vorgeschrieben war für die Merzhäuser jeden Tag zwei Scheiter pro Kind. Die Wilhelmsdorfer brachten aber nur eins. Diese Ungerechtigkeit wollten die Merzhäuser Bürger nicht länger hinnehmen. Sie legten Beschwerde bei der Regierung ein. Eine Umfrage bei anderen Gemeinden, wo die Kinder ebenfalls Schulen in benachbarten Orten besuchten, ergab, dass auch dort die Schüler der Filialdörfer nur ein Scheit mitzubringen brauchten. Auf Grund des langen Schulweges fand die Obrigkeit es recht und billig, dass diese Kinder nicht mit zwei Scheiten belastet wurden. Schließlich sahen die Merzhäuser das ein und so blieb es bei dem einen Scheit, als Vergünstigung für den beschwerlichen Schulweg.

 

Ordnung, Fleiß und das Zusammenhalten des Besitzes brachten Wohlstand in die neue Gemeinde. Als 1770, der Sohn Wilhelm Heinrichs, Fürst Carl, regierte, erstanden die zehn Wilhelmsdorfer "Gemeindemänner" den herrschaftlichen Restbesitz, den sie unter sich gleichmäßig aufteilten.

 

Um 1805 ist das letzte Gebäude des ehemaligen alt ehrwürdigen "Neuhofes" verschwunden. Ein schmuckes Dorf war an seinen Platz getreten. Der lange Friede im ersten Jahrhundert seines Bestehens förderte seinen Wohlstand. Die zahlreichen Truppendurchmärsche während der Napoleonischen Kriege - 1792 zog auch König Friedrich Wilhelm II. mit seinen Preußen durch das Dorf - hinterließen keine bleibenden Schäden.

 

1946 kam ein Zug mit Heimatvertriebenen in Wilhelmsdorf an. Die Bevölkerungszahl stieg zusammen mit Ausgebombten aus den Städten um fast das Doppelte an. Die Schulkinder mussten damals zu Fuß nach Hundstadt in die Schule gehen. Ein, besonders im Winter beschwerlicher Weg, vor allem für die kleinen Erstklässler.

 

Die Vertriebenen arbeiteten fleißig, um in der Fremde wieder auf die Beine zu kommen. In den fünfziger Jahren konnten viele durch den Lastenausgleich und günstige Darlehen Häuser bauen, so trugen sie zum weiteren Wohlstand der Gemeinde erheblich bei.

 

Erst im Jahre 1950 bekam Wilhelmsdorf endlich eine eigene Schule. Das Gebäude selbst hatte eine besondere Vergangenheit. Als Kreisabdeckerei gebaut und tätig, wurde es im Jahre 1950 für DM 22.000.--von der Gemeinde gekauft und mit weiteren DM 30.000.-- unter Bürgermeister Otto Ziemann zur Musterschule umgebaut. Ziemann hatte dies durchgesetzt. Sein Bild zierte den Schulraum, bis die Wilhelmsdorfer Kinder im Zuge der Schulreform mit dem Bus nach Usingen zur Schule gebracht wurden.

 

Schon lange wünschten sich die Bürger der Gemeinde ein Dorfgemeinschaftshaus. Eine Begegnungsstätte für Jung und Alt sollte es werden Ein Ort zum Feiern, für sportliche Übungen und Wettkämpfe, ein Platz für den sonntäglichen Gottesdienst.

 

Bürgermeister Willi Beez gelang es Mittel, die von der Regierung in Wiesbaden zur sozialen Aufrüstung der Dörfer zur Verfügung gestellt wurden, nach Wilhelmsdorf zu holen. Das ehemalige Schulgebäude stand leer. Nach aufwändigen Umbauten , die Gesamtkosten beliefen sich auf DM 200.000.--, entstand daraus ein geräumiges Haus, das der gesamten Bevölkerung diente.

 

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Bürgermeister Willi Beez zeigt das Wappen der Gemeinde

 

 

 

Am 1.10.1972 notierte Bürgermeister Willi Beez a.D.: "Wilhelmsdorf hat seine Eigenständigkeit verloren und ist seit heute Stadtteil von Usingen. Aber ein Ortsbeirat soll die besonderen Interessen unseres Stadtteiles wahrnehmen. Er tagt im Dorfgemeinschaftshaus."

 

Heute ist Wilhelmsdorf ein reizender Ort im Taunus. Er liegt 400 m hoch. Am Horizont zeigt sich der große Feldberg mit seinen markanten Türmen. Zu Fuß gut zu erreichen sind zwei Seen, der Hattsteinweiher, der im Sommer zum Baden einlädt und der geheimnisvolle Grünwiesenweiher, ein Paradies für Vögel und Lurche. Mitten im Wald, der den Ort malerisch einrahmt, wo Rotwild und Rehe daheim sind, wo der Habicht majestätisch seine Kreise zieht, erhebt sich der sagenumwobene Hirschsteinfelsen. Von dieser herrlichen Natur angezogen, ergehen sich hier oft Erholungssuchende aus dem Frankfurter Raum. In der alteingesessenen Gaststätte kredenzt ihnen der Wirt gerne eine deftige Bauernplatte mit hessischem Apfelwein.

   

Quelle:

Private Aufzeichnungen von Willi Beez, von 1959 bis 1971 Bürgermeister der Gemeinde Wilhelmsdorf.

 


Dank an Gisela Freisinger für die Übermittlung des Dokumentes und der Bilder.